Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“

Ich starte meine Buchempfehlung mit den Worten einer Schülerin in Reaktion auf die zurückliegenden Ereignisse in den USA. Ich bin mir sicher, dass sie ihren Beitrag nach der sog. „Krawallnacht“ in Stuttgart erweitern würde. Denn unsere Jugendlichen sind betroffen von Zuschreibungen, Profiling und dem Gefühl, nicht ernstgenommen repektive respektvoll behandelt zu werden. Was würde sie also thematisieren, wenn sie ein mehr an Mitsprache hätte?

„Ich würde ein sehr heikles Thema ansprechen und zwar: Rassismus!
Ich habe in der letzten Zeit sehr viel Gewalt und Vorurteile in den Nachrichten sowie den Social-Media-Plattformen gesehen.
Man sollte sich in der Schule sowie in der Freizeit mit diesem Thema beschäftigen und nicht einfach wegschauen oder als harmlos bezeichnen!
Egal. Ob Schwarz, weiß, Deutsch oder anderssprachig: Mensch ist Mensch!!
Leute werden verletzt oder umgebracht, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben oder eine andere Sprache sprechen und das geht nicht!“ (Z., 16J)

 

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Journalistin aus Köln, heute in Berlin lebend

„Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum, das wollen weiße Menschen oft nicht hören.
Alice Hasters erklärt es trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.“

Auszug: Schule (S. 53f)

„Weder unter Lehrer*innen noch Mitschüler*innen gab es eine Sensibilität dafür, dass nicht alle den gleichen Bezug zu den im Unterricht behandelten Themen haben. Der Lehrplan geht von einem weißen deutschen Standard aus. Alles, was davon abweicht, wird ignoriert. Es gibt keinen Leitfaden für den Umgang mit Emotionen, Spannungen oder Unsicherheiten, die auftreten können, wenn Menschen von Lehrgegenständen unterschiedlich betroffen sind. Das liegt u. a. daran, dass es kein Bewusstsein dafür gibt, dass der Unterricht überhaupt von eine bestimmten Perspektive geprägt ist: weiß, männlich, christlich und heterosexuell.
Dieses Problem taucht in allen Fächern auf. Bei Textaufgaben in Mathematik, wo es meist um Familie Schmitz oder Müller geht, oder bei Abbildungen von ausschließlich weißen Körpern im Biologieunterricht, aber am meisten ärgere ich mich über Deutsch und Geschichte. In der Schule wird ein kollektives Gedächtnis geschaffen. Wir können Lerngegenstände kritisch hinterfragen, sie diskutieren und seitenlange Aufsätze darüber verfassen. Doch die Dinge, die man nicht lernt, die nicht Teil des Unterrichts sind, die stellt man auch nicht infrage. Für die gibt es kein kritisches Bewusstsein …“

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Foto: Wynwood Walls, Miami,  2019

 

Interview: „Für Weiße fühlt sich Gleichberechtigung nach Unterdrückung an“
ZEIT Campus online, 09.11.2019

(…)

ZEIT Campus ONLINE: Wieso haben Sie einen persönlichen Zugang gewählt, um über Rassismus zu schreiben?

Hasters: Ich habe viel aus meiner eigenen Biografie auf dem Herzen, das ich loswerden wollte. Ich bin häufig frustriert, dass es Menschen gibt, die zwar viel über Rassismus wissen, aber nicht die Transferleistung erbringen, wie dieser im persönlichen Leben aussieht.

ZEIT Campus ONLINE: Wie haben Sie das persönlich erlebt?

Hasters: Häufig, wenn ich weißen Menschen ihre rassistischen Äußerungen vorgeworfen habe, ging es oft nur noch um den Vorwurf und nicht mehr um die rassistische Äußerung an sich. Viele entgegneten: Das könne ja gar nicht rassistisch sein, man sei ja kein Rassist. Meine Perspektive wurde dabei nicht ernst genommen.

(…)

ZEIT Campus ONLINE: Auch als Individuum profitiere ich als weiße Person von der Benachteiligung Nicht-Weißer. Wie kann ich das ändern und ein guter Ally, also eine Verbündete im Kampf gegen Rassismus, sein?

Hasters: In erster Linie ist es wichtig, sich mit seinem eigenen Rassismus auseinanderzusetzen und zu versuchen dagegen zu arbeiten. Im Alltag bedeutet das auch denjenigen zuhören, die von Marginalisierung betroffen sind, sie ernst nehmen und dem Impuls zu widerstehen, dass man wieder alles um sich selbst kreisen lassen will. Weiße Menschen müssen auf die Bevorzugung, also ihre Privilegien verzichten. Deswegen fühlt sich Gleichstellung aus der Perspektive der Privilegierten wie Unterdrückung an. Wichtig ist, dass man lernt zu verzichten. Wie man gewohnte Dinge lässt.

(…)

ZEIT Campus ONLINE: Wo stehen wir also?

Hasters: Wir sind gerade in einem sehr kritischen Moment, wo um das Steuer gekämpft wird. Wenn ich Wahlen in der EU oder in Deutschland sehe, dann macht es mir Angst und ich weiß nicht, wo es langgeht. Ich versuche nun meinen Teil dazu beizutragen, damit die Leute verstehen, worum es geht. Und wessen Leben hier auf dem Spiel steht – als Erstes trifft es nämlich die Marginalisierten.

Das ganze Interview findet ihr hier!

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