Töchter narzisstischer Mütter: „Meine Mutter hat mir vorenthalten, mich zu lieben“

Kinder narzisstischer Eltern sind ständiger Kritik, Gefühlskälte und Kontrollwut ausgesetzt. Viele kämpfen ihr Leben lang um die Zuneigung, die sie nicht bekommen haben.

ein Beitrag von A. Heide, ZEITmagazin, 17.02.2019

„Man wird narzisstisch Gestörte oftmals nicht ändern. Das muss man akzeptieren. Man sollte besser lernen, das Bedürfnis, von der Mutter geliebt zu werden, zu reduzieren.“ Es sei wie ein Abschiednehmen, wie ein Trauern, das seine Zeit dauert, erklärt er: „Man muss sich sagen: Ich werde von meiner Mutter nie die Liebe und Zuneigung und das Verständnis bekommen, das ich gerne gehabt hätte. Es ist ein sinnloser Kampf.“ Ein Kampf gegen Gefühle, die man nicht einfach so abstellen kann.“

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Irgendetwas stimmt nicht mit ihrer Mutter. Das wusste Meike* schon früh, bloß was es ist, war ihr lange Zeit nicht klar. Ihre Mutter redete über sie nur als „das Kind“, als sei sie die Tochter einer anderen Frau, sie nannte sie nicht bei ihrem Vornamen. Im Familienurlaub ignorierte sie sie wochenlang. Besuch störte sie, weshalb Meike keine Klassenkameraden mit nach Hause nahm. Ihre Freunde waren ihre Stofftiere und unsichtbare Freunde, die nur in ihrer Fantasie existierten. Doch sie vermisste echte Freunde kaum, ihre Eltern hatten auch keine.

Als Meike acht oder neun war, beschloss sie, später keine Kinder zu haben. Weil man die so oft anschreien muss. Sie hasste es, dauernd angebrüllt zu werden. Als sie elf war, gab es keine Umarmung mehr und keinen Kuss. Als sie 14 war, machte sie zusammen mit ihrer Schwester eine Liste mit Dingen, die sich ändern müssten, Dinge wie: nicht so viel schreien, mehr Rücksicht aufeinander nehmen, nicht beim Essen rauchen. Sie hatten gehört, dass es Familien gibt, in denen man Probleme bespricht. Doch ihre Familie zählt nicht dazu. Die Mutter schwieg die Liste tot.

Kurz vor dem Abitur überlegte Meike, welchen Berufsweg sie einschlagen sollte. Alles, wofür sie sich interessierte, machte die Mutter schlecht. Fotografin? Es gibt schon einen Fotografen im Ort. Psychologie studieren? Überflüssig. Etwas Technisches lernen? Du bist zu ungeschickt. Solche Sätze hörte Meike sowieso am häufigsten von ihrer Mutter: Dafür bist du nicht gut genug. Dafür bist du zu blöd. Du bist unsportlich. Das sieht nicht gut aus an dir. Deine Nase wirkt groß, wenn du lachst. Du kaust falsch Kaugummi. Du hackst den Knoblauch zu langsam.

Heute weiß Meike, was sie ist. Sie ist das Opfer einer narzisstischen Mutter. Es war ein langer Weg, bis sie das benennen konnte.

„Plötzlich steht man da, erwachsen, ist völlig blockiert und weiß nicht, wie man leben soll“, sagt Meike. Sie sitzt in einem Berliner Café, eine blasse, blonde, schmale Frau, 32 Jahre alt. Die Jeans und die Bluse, die sie trägt, hat sie vor vielen Jahren mit ihrer Mutter gekauft. Die Kleidung ist nicht das einzige, was sie aus dem Leben mit ihr behalten hat. Auch in ihren Gedanken ist die Mutter allgegenwärtig. Das merkt man daran, wie Meike spricht. Ihre Worte sind so leise, dass das Geklapper an den Nebentischen sie fast verschlucken. Ihr Tonfall ist kleinlaut, ihr Blick weicht aus, sie macht verlegene Pausen. Kontakt mit anderen Menschen bedeutet für sie Stress.

(…)

In der Nähe des Cafés, in dem Meike gerade hinter einer Tasse Kaffee fast zu verschwinden droht, liegt der Ort, an dem sie sich alle zwei Wochen mit ihrer Selbsthilfegruppe trifft. Seit etwa zwei Jahren trauen sich Opfer von Narzissten, wie sie sich selbst nennen, an die Öffentlichkeit, jedenfalls halbwegs. Im Schutz der Anonymität des Internets, in geschlossenen Facebook-Gruppen oder Blogs tauchten damals die ersten Berichte von Kindern narzisstischer Eltern auf, plötzlich wurden es immer mehr, und bald sprachen Betroffene offen von ihren Erfahrungen. Meistens sind es Berichte über Mütter, obwohl es theoretisch gesehen genauso viele narzisstische Väter geben müsste.

Das Wort Narziss stammt aus der griechischen Mythologie. Narziss war dort der Sohn eines Flussgottes und einer Nymphe, in den sich alle verliebten, weil er so schön war. Doch er wies ihre Liebe zurück. Als er auf einer Wasseroberfläche sein Spiegelbild erblickte, verliebte er sich in sich selbst, ohne sich zu erkennen. Seine Liebe blieb natürlich unerfüllt, und er verzehrte sich nach seinem Spiegelbild zu Tode. Heute steht Narzissmus meist für übersteigerte Selbstliebe, doch die klinische Definition geht weit darüber hinaus.

Auch Meikes Suche nach Hilfe begann im Internet. Während des Studiums war ihr bewusst geworden, dass etwas nicht stimmte im Verhältnis zu ihrer Mutter, die sie trotz allem liebt und verehrt. „Die anderen sind am Wochenende gerne nach Hause gefahren, doch ich habe gemerkt, dass ich das nicht will“, sagt Meike. Allein die Anrufe, die die Mutter jeden Sonntagabend erwartete, hätten ihr bevorgestanden. Sie lächelt gequält. Eines Tages googelte sie die Wörter „gefühlskalte Mutter“ und „egozentrische Mutter“. Sie stieß auf den Begriff Narzisst. An eine psychische Krankheit oder Störung ihrer Mutter hatte sie schon früher gedacht, am ehesten an einen Burn-out, denn die Mutter war immer gestresst.

Nun fand sie Seiten über narzisstische Eltern, auf denen genau das beschrieben wurde, was ihre eigene Kindheit kennzeichnet, sogar ganze Checklisten. Jeder einzelne Punkt traf zu. Die Mutter kontrolliert alles. Check. Sie kritisiert ständig und schimpft mit dir. Check. Sie vernachlässigt ihre Familie. Nach außen gibt sie sich aber als perfekte Mutter und betont, wie sehr sie sich aufopfert. Check. Sie erwartet, dass du bei der kleinsten Nachfrage springst. Check. Sie vergleicht sich mit dir und ist ihrer Meinung nach besser als du. Check. Sie gibt an. Check. Sie lügt und manipuliert. Check. Sie bekommt Wutanfälle, wenn sie ihren Willen nicht kriegt. Check. Sie entschuldigt sich nie. Check. Kritik kann sie nicht ertragen. Check. Sie sagt dir, wie du dich zu fühlen hast. Check. Sie hört nicht zu. Check. Sie ist unfähig, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als ihrer eigenen. Check. Sie widerspricht sich selbst und gibt es nicht zu. Check. Sie setzt alles daran, dass du dich dumm, ungeschickt und hilflos fühlst. Check.

(…)

Es war ein Befreiungsschlag – zu verstehen, dass es ein Muster gibt, das emotionale Misshandlung heißt. Doch eine Erlösung war es noch nicht. Zu grundlegend waren ihre Probleme. Schon allein den Alltag zu strukturieren oder ihre Aufgaben zu erledigen, bekam sie nicht hin. Es war, als würde sie in lauter Einzelteile zerspringen, wenn ihre Mutter nicht da war, um sie zusammenzuhalten.
Unfreiwillig übernahm ihr erster Freund die Rolle der Mutter. Wenn Meike ihn fragte, sagte er ihr, was sie anziehen und was sie frühstücken sollte. Er plante ihre Woche für sie durch. Sie wusste nicht mal, wie Aufräumen geht – ohne eine Mutter, die ihr genau sagt, was wohin geräumt wird. Selbst ihr Studium organisierte er, „dabei studierte er gar nicht“.

Ohne ihren Freund fühlte Meike sich unwohl. Musste sie doch einmal allein unterwegs sein, versuchte sie, sich klein zu machen, unsichtbar. Wenn sie in der Straßenbahn fuhr, hatte sie Angst davor, angesprochen zu werden. „Ich hatte Anfänge von Soziophobie“, sagt sie und macht eine betretene Pause, wie so oft, wenn sie redet. Es fällt ihr schwer, von sich zu erzählen. „Ich habe immer versucht, die Person darzustellen, die meine Mutter lieben könnte“, sagt sie. „Heute kann ich nicht unterscheiden, was ich bin und wie ich erscheine. Es ist wie ein Leben ohne Boden. Man kriegt nicht den Antrieb, weil man sich nicht abstoßen kann.“ Es sind erschütternde Sätze – und gleichzeitig messerscharfe. Sie passen nicht zu der verschüchterten Frau und ihrer leisen Stimme. Man fragt sich, was aus ihr geworden wäre, wäre sie nicht im Schatten dieser Mutter aufgewachsen.

Jemand, der sich mit Narzissmus auskennt, ist der Hamburger Psychiater und Psychotherapeut Claas-Hinrich Lammers, Ärztlicher Direktor an der Asklepios Klinik Ochsenzoll. Er gilt als einer der deutschen Experten auf dem Gebiet und wenn man ihn fragt, was genau dieser durch Donald Trump so populär gewordene Begriff bedeutet, antwortet er erst einmal: „Es ist schwer, darüber zu sprechen, ohne in ein abwertendes Urteil abzugleiten: Ist halt narzisstisch. Worüber die Leute sich aufregen, ist – um im Krankheitsbild zu bleiben – das, was man histrionisch nennt: ein bisschen übertrieben sein, gemocht werden wollen. Das ist nicht der Kern von Narzissmus.“ Es gebe einen durchaus gesunden Narzissmus, zu dem positive Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und Karriereorientierung gehörten: „Narzisstische Menschen sind wagemutiger und innovativer.“

Wenn man aber vom krankhaften Narzissmus spreche, beziehe sich das auf Menschen, die absolut im Mittelpunkt stehen müssten. „Die haben diese irrsinnige Anspruchshaltung: Man muss immer besser und erfolgreicher sein, als man eigentlich ist. Das, was man glaubt zu sein und was man glaubt, wie andere einen sehen müssten, entspricht aber oft nicht der Realität. So jemand läuft herum und sagt: Ich bin unangreifbar, ich kann alles besser, und jeder, der ihm in die Quere kommt, wird abgewertet.“ Zweitens, sagt Lammers, gebe es eine deutliche Empathiearmut bei diesen Menschen, das sei noch charakteristischer. Sie könnten sich in andere Menschen weder einfühlen noch hineindenken, beziehungsweise wollten das, wie neuere Studien zeigten, auch gar nicht. „Es ist ihnen egal, wie andere Menschen sich fühlen. Das macht Interaktion mit ihnen unglaublich schwer.“

Was bedeutet das für die Kinder narzisstischer Eltern?

„Für Kinder ist das ganz heikel“, sagt Lammers. „Durch die Mutter lernt ein Kind sich selbst kennen. Wenn es zur Mutter kommt und ihr sagt: ‚Alles ist doof, alle in der Klasse ärgern mich‘, und die Mutter sagt: ‚Das muss ja schlimm für dich sein. Erzähl mir, was ist da los?‘ – dann fühlt sich das Kind verstanden und unterstützt und kann sich positiv entwickeln. Wenn die Mutter sagt: ‚Da kann ich auch nichts machen‘, dann kann diese unempathische Aussage dazu führen, dass das Kind sich unverstanden und ungeliebt fühlt.“ Das könne sich in einem geringen Selbstwertgefühl niederschlagen und in einer Neigung, anderen Menschen nicht mehr von den eigenen Problemen zu erzählen. Für ein Kind werde es dann schwierig, einen vertrauensvollen und offenen Kontakt zu anderen aufzubauen. „Aber so lange jemand nicht darunter leidet, hat ein Psychiater in dem Fall diagnostisch nichts zu tun.“

Doch es gibt ja Leidtragende. Die Kinder. Nur erkennt man die Schäden nicht. Kinder, die geschlagen werden, haben blaue Flecken. Was Narzissten an einer Seele anrichten können, sieht man nicht.

„Ein Mensch, der anderen Leid zufügt, muss deswegen nicht krank sein“, sagt Lammers. „Selbst wenn man als Kind vom Vater geschlagen wird, ist der Vater oft nicht krank, sondern ein übler Typ.“ Welche Auswirkungen narzisstische Eltern auf Kindern haben, sei nicht genau bekannt. Seines Wissens nach gebe es keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, dafür müsste erst einmal der Narzissmus der Eltern erfasst werden. Doch es gebe verschiedene Erklärungsmodelle für die Ursache von Narzissmus – von Eltern, die als Kinder selbst vernachlässigt wurden bis hin zu Eltern, die als Kind ständig über den grünen Klee gelobt wurden. Auch scheint die Genetik eine Rolle zu spielen, erklärt der Psychotherapeut: „Die narzisstische Persönlichkeitsstörung hat das höchste genetische Loading von allen Persönlichkeitsstörungen, das heißt, ungefähr 70 Prozent der Ausprägung von Narzissmus lassen sich durch genetische Faktoren erklären. Die Ursachen sind unbekannt. Man weiß das aber aus großen Zwillingsstudien.“

Was würde er einem Kind mit narzisstischem Elternteil raten?

„Da gibt es kein Patentrezept. Die Frage ist, wie sich die Kinder als Erwachsene verhalten: Wie will ich mit meinen Eltern umgehen? Will ich mich distanzieren? Will ich eine Beziehung haben?“ Das müsse man für sich selbst herausfinden. „Ganz wichtig ist: Man wird narzisstisch Gestörte oftmals nicht ändern. Das muss man akzeptieren. Man sollte besser lernen, das Bedürfnis, von der Mutter geliebt zu werden, zu reduzieren.“ Es sei wie ein Abschiednehmen, wie ein Trauern, das seine Zeit dauert, erklärt er: „Man muss sich sagen: Ich werde von meiner Mutter nie die Liebe und Zuneigung und das Verständnis bekommen, das ich gerne gehabt hätte. Es ist ein sinnloser Kampf.“ Ein Kampf gegen Gefühle, die man nicht einfach so abstellen kann.

Das Abschiednehmen von der Mutter ist auch ein zentrales Problem in der Selbsthilfegruppe „Töchter narzisstischer Mütter“. Es ist die erste und bislang vermutlich einzige ihrer Art bundesweit. Mal kommen nur wenige Frauen, sagt Meike, mal sind sie 20. Die Zahl klingt klein, aber die Gruppe hat selbst zusammengefunden, über das Internet. Es gibt keine offiziellen Hilfsangebote. Die jüngste Teilnehmerin ist Anfang 20, die älteste Ende 60. Eine Zahnärztin ist dabei, eine Filmemacherin, eine Lehrerin, eine Professorin für Biochemie, eine Sprechtherapeutin. Lauter Frauen, die erfolgreich zu sein scheinen und doch mit ihrem Leben nicht zurechtkommen.

Für Meike ist die Gruppe eine Erlösung. Denn das Schlimmste war, dass sie mit niemandem reden konnte. Es ist schwierig, Nichtbetroffenen zu beschreiben, was eine narzisstische Mutter bedeutet. Es heißt dann oft: „So schlimm kann es doch nicht sein. Meine Eltern sind auch merkwürdig. Da stehst du doch drüber.“ Aber wie soll man darüberstehen, dass man von der eigenen Mutter nicht geliebt wird?

An einem Montagabend sitzen einige „Töchter narzisstischer Mütter“ in einer hellen Hinterhofwohnung im Kreis zusammen. Es gibt Wasser, Tee, Kekse, ein Thema hat der Abend nicht. Kein Abend hat ein Thema. Meistens erzählt jemand, dann fallen die anderen ein. Heute bricht Irene, Anfang 50, Biochemikerin, gleich zu Beginn in Tränen aus. Sie überlegt, ihre Mutter zu verklagen. Sie hält sie für schuldig am Tod ihres kürzlich verstorbenen pflegebedürftigen Vaters. „Sie hat ihn schlicht vernachlässigt.“ Sonja, Mitte 60, sagt gereizt: „Davon hast du nun schon die ganzen letzten Male erzählt. Du musst mal einen Schritt weiterkommen.“ Ihre eigene Mutter ist allerdings bereits seit 25 Jahren tot, und sehr viel weiter als damals ist sie selbst nicht. „Meine Mutter ist auch schuld daran, dass ich nie Kinder bekommen habe“, fügt Irene hinzu, „ich habe mir das nicht zugetraut. Und nun bin ich ganz allein.“

„Soweit werde ich es nicht kommen lassen“, ruft Ellen. „Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben, aber ich lasse es nicht zu, dass sie es mir vermiest, Kinder zu lieben!“ Ellen, Anfang 30, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und ist jetzt Ärztin. Ihre Mutter ist Yogalehrerin. „Yoga und Achtsamkeit, davon hat sie den ganzen Tag geredet“, erzählt sie. „Zu Hause stand ihr Schreibtisch mitten vor dem Fernseher, und immer, wenn jemand fernsehen wollte, hat sie sich beschwert, dass sie nicht arbeiten kann.“ Ellen hatte Essstörungen und verletzte sich selbst. Vor sechs Jahren hat sie den Kontakt abgebrochen, und doch ist bisher kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihre Mutter gedacht hat.

Alle anwesenden Frauen haben Beziehungsprobleme. Einige leiden unter Depressionen, fast keine hat Kinder, die meisten haben Berufsausbildungen oder Studiengänge abgebrochen. Alle wissen, wie es ist, ohne Anlass niedergemacht zu werden. „Jede Geschichte hier könnte meine sein“, sagt Karen, eine Lehrerin. „Das hilft mir sehr. Es gibt sonst keine Lobby für Kinder wie uns.“

Später am Abend erzählt Meike von ihrem neuen Job. Vor vier Jahren hat sie ihr Studium als Kulturwissenschaftlerin abgeschlossen, seit einigen Monaten hat sie eine Stelle im Kundenservice eines Start-ups. Sie ist dafür überqualifiziert, aber es ist eine Stelle. Immer und immer wieder hatte sie es verschoben, sich zu bewerben. „Vorstellungsgespräche setzen mich unter Druck. Der ganze Prozess besteht aus Bewertungssituationen, in denen ich abgelehnt werden könnte“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich einiges kann, doch ich sabotiere meine eigene Entwicklung.“

„Was hat deine Mutter zu der Stelle gesagt?“, fragt Sonja. „Gar nichts. Ich habe ihr dann erzählt, dass ich mir selbst zur Belohnung eine Kamera geschenkt habe. Sie hat nur geantwortet: ‚Weißt du nichts Besseres?'“ Meike macht wieder eine Pause. „Trotzdem wäre ich am liebsten ihre Freundin. Auch wenn Eltern eigentlich keine Freunde sind.“ „Ihre Freundin?“, fragt Irene. „Ich weiß genau, wovon du sprichst!“, ruft Ellen, „doch davon kannst du dich verabschieden“. „Ich hätte gern einen ganz tollen Kontakt zu ihr“, fährt Meike fort. „Dass sie mal fragt, wie es mir geht und es auch wirklich so meint. Mir Unterstützung anbietet, im Job, im Alltag, mal einen Haushaltstipp hat.“ Jetzt lachen alle. Meike fängt selbst an zu lachen. Eigentlich ist es ein trauriger Moment, doch manchmal hilft es, gemeinsam zu lachen.

Man kann sich die Frage stellen, ob man Mitgefühl mit einer narzisstisch gestörten Person haben muss, weil sie ja eben krank ist. „Wenn du vom Auto angefahren wirst und verletzt wirst, kümmerst du dich um dich selbst, egal, welche Verletzung der Fahrer hat“, antwortet Karen. „Mitgefühl kann man uns nicht abverlangen“ – darin sind sich die Frauen einig.

Gerade pausiert die Gruppe. Kurz vor Weihnachten gab es Streit über den Treffpunkt, über die Dominanz einzelner und das ausufernde Redebedürfnis anderer. Es ist keine leichte Sache, eine nicht angeleitete Selbsthilfegruppe am Laufen zu halten, es gab nicht den Fortschritt in der Aufarbeitung, den sich alle erhofft haben.

Meike ist wieder auf sich allein gestellt. Sie hat immer noch die Tagträume, die sie schon als Mädchen hatte, wenn sie unter Stress steht oder eine Entscheidung treffen muss. Es scheint ihr etwas zuzustoßen, doch dann wird sie gerettet – von Freunden, von Menschen, für die es sich lohnt, weiterzumachen. Es geht darin dunkler zu als in der Realität, sagt sie. Aber in ihren Träumen gewinnt sie immer.“

Anm.: im Netz finden sich unzählige Erfahrungsberichte, Selbsttests und Literaturhinweise

2 Gedanken zu “Töchter narzisstischer Mütter: „Meine Mutter hat mir vorenthalten, mich zu lieben“

  1. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben. Erst durch die heutigen fortschrittlichen Medien kann ich das riesige Ausmaß erfassen, was Narzissten Schutzbefohlenen durch alle Zeiten an emotionalem Mißbrauch zufügen. Ein Schuß an Resilienz ist die einzige Möglichkeit sich all‘ dem zu entziehen, um sich nach der Erkenntnis endlich entwickeln zu können. Ich wünsche allen Betroffenen viel Kraft und Würde, in diesem Sinne ganz herzliche Grüße, Ines Halfen aus Dessau

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