Autismus: Mama lernt Liebe

„Trösten, spielen, zuhören: Was andere Mütter intuitiv können, musste sie mühsam üben. Birke Opitz-Kittel ist Autistin – und zieht fünf Kinder groß.“

ein Beitrag von M. Elfering / Zeit online / 25.04.2018

marseille#4 2017„Schwieriger als die Liebe selbst ist ihre Definition. Birke Opitz-Kittel weiß das. Sie weiß, dass körperliche Nähe und Liebe verschiedene Dinge sind. Für sie definiert sich die Liebe nicht durch Küsse, Umarmungen, Berührungen, nicht durch Zärtlichkeiten oder Sätze wie: „Ich liebe dich.“ Wer braucht all diese Dinge? Sie nicht.

Birke Opitz-Kittel hat ihre eigene Definition der Liebe. Und sie hat sie im Kopf. Morgens, wenn sie aufsteht, in ihrer abgedunkelten Wohnung sitzt, wenn die Kinder nach und nach aufwachen. Sie hat sie im Kopf, wenn ihre Töchter sich ein Müsli machen, während sie selbst vor ihrer Tasse mit der Aufschrift „Lächle, du kannst sie nicht alle töten“ sitzt. Wenn sie ihre Kinder dann wieder ins Zimmer schickt, damit sie dort allein frühstücken, weil Birke Opitz-Kittel Essensgeräusche hasst, das Klappern der Teller, das Kauen. Sie hat ihre Definition auch im Kopf, wenn sie auf ihre Kinder zugeht und sie in den Arm nimmt, obwohl sie Nähe nicht gut erträgt, obwohl sie denkt: Umarmungen sind überflüssig.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Deutschland autistisch sind. Häufig erkennen Ärzte die Symptome gar nicht. Der Bundesverband Autismus Deutschland schätzt, dass auf 1.000 Einwohner in etwa sechs oder sieben Menschen mit Autismus kommen. Sicher ist: Birke Opitz-Kittel, 43 Jahre alt, ist eine von ihnen, mit Asperger-Syndrom. Es fällt ihr schwer, ihre Gefühle zu zeigen. Ironie, Gestik und Mimik musste sie mühsam lesen lernen, von anderen Menschen hält sie sich lieber fern. Und ist doch fünffache Mutter, zweimal geschieden, die Kinder haben drei verschiedene Väter, ihre neueste Ehe hält seit 2004. Wie geht das?

Als sie noch jünger war, da fragte sie sich oft: Birke, warum magst du die Menschen nicht? Birke, warum gehörst du nicht dazu? Birke, warum kannst du das mit der Liebe nicht?

Die Diagnose Autismus kam erst Jahrzehnte später. All die Jahre lebte sie mit diesem komischen Gefühl, anders zu sein. Vielleicht muss ich mich nur genug anstrengen, sagte sie sich. Vielleicht muss ich einfach alles geben, dann wird alles gut. Sie verstand nicht, was mit ihr los war. Hilfe hatte sie keine.

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