Mädchen, klasse! Mädchenklasse? Zur gesteigerten Bedeutung der Umgebung in der Pädagogik (Dr. Martina Hoanzl)

Lohnender Vortrag von Dr. Martina Hoanzl
Komplette Version hier.
Auszug

Einblicke: Zuallererst machen benachteiligte Mädchen und Jungen in ihren Familien und in ihrem nahen Umfeld die primäre Erfahrung, dass bedrohliche Konflikte im Geschlechterverhältnis selbst verankert sind. Zweitens greifen sie gerade in ihrer Identitätssuche auf scheinbare Eindeutigkeiten und Geschlechterstereotypen zurück, weil neben vielschichtigen Belastungen zusätzlich innere Widersprüche zu bedrohlich werden. In dem Bedürfnis, „richtig“ zu sein, werden Gewaltanwendungen potentiell als „wirklich männlich“ erlebt, während „richtige Mädchen“ ihre Erscheinung potentiell sexualisieren. Hinzu kommen häufig geteilte Gewalterfahrungen, die bei Mädchen und Jungen, jedoch unterschiedlich gelagert sind und auch unterschiedlich verarbeitet werden. „Überspitzt könnte man sagen: (…) Jungen bzw. Männerliegen mit anderen im Krieg, Mädchen und Frauen mit sich selbst und untereinander“ (Huber 2009, 8). Vor diesem Hintergrund bekommt der sprichwörtliche „Zickenalarm“ einen veränderten Verstehenshintergrund. Mädchen sind nicht weniger aggressiv als Jungs, sie tragen Konflikte und Aggressionen nur mit anderen Mitteln aus.

Ausblicke: Damit steht am Ende eine neue Aufgabe, die zeigt, dass noch viele Aspekte der Mädchenklassenarbeit unbenannt blieben. Auch die Frage nach reflektierten Lehr- und Lerninhalten der Mädchenarbeit gehört dazu. Susanne Götze-Mattmüller hat in ihrer praktischen, aber auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit aufgezeigt, dass es längst nicht mehr ausreicht, benachteiligte Mädchen auf eine klassische Erwerbstätigkeit vorzubereiten. „Die Lebenswege führen in nur seltenen Fällen in eine befriedigende Berufstätigkeit, sondern sind bereits in den ersten Jahren nach der Schule von Brüchen gekennzeichnet. Schwangerschaften, fehlende Ausbildungsstellen, Drogenmissbrauch, Ausbildungsabbrüche sowie Vereinzelung“ (Götze-Mattmüller 2005, 4) gehören dazu. Festzuhalten bleibt, dass mit der Gründung von Mädchenklassen ein Thema in der Bildungspolitik Baden-Württembergs mit aller Wucht aufgebrochen ist, das davon zeugt, dass es für Mädchen wie für Jungen unumgänglich geworden ist, auf Lehrerinnen wie auf Lehrer zu treffen, die Geschlechtlichkeit als Herausforderung und schulische Aufgabe erkannt haben.

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